Ich glaube ja, Florida ist ein schrecklicher Ort. Die Hitze, die Feuchtigkeit, die Sümpfe, die Krokodile, der Drogenhandel… Als jemand, der sein Leben im Westen Deutschlands verbracht hat, ist das die Hölle auf Erden. Besonders, wenn man plötzlich inmitten eines unerwarteten Kugelhagels steht und den Kopf einziehen muss. Denn im Südosten der USA wird scharf geschossen.

Lange habe ich mich gewehrt, Battlefield: Hardline zu spielen. Das liegt ausnahmsweise nicht an Kollegah, der ab und zu als Synchronstimme durch meine Heimkinoanlage nuschelt. So wenig ich den Muskelberg-Rapper auch mag, ein Grund, die Konsole auf Englisch zu stellen, ist der Kerl nicht. Anders als Gronkh in Just Cause 3, der Typ geht GAR nicht, in keiner Lebenslage. Nein – Grund dafür, dass ich Viscerals Shooterexperiment auf die lange Bank schob, ist, dass die Bewertungen im Vorfeld eher davon abrieten, den Titel zu spielen. „Das schlechteste Battlefield aller Zeiten“ heißt es da. Das mag schon was heißen, denn sonst überschlagen sich die Fachzeitschriften ja vor Lob bezüglich der EA’schen Kriegsspiele.

Die Kritik ist nicht ganz unberechtigt, denn Hardline weicht stark von der Schablone ab, die EA sonst über die DICE-Games legt, die relativ regelmäßig weit oben in den Charts stehen. Die Kampagne ist nicht nur wildes Geballer, vielmehr möchte man in der Illusion ertränkt werden, Polizeieinsätze mitzuerleben, wie ein fleißiger USA-Serienschreiberling sie in seine Schreibmaschine hacken würde. Klischeebesetzte Charaktere, Zeitlupen, Verfolgungsjagden – Das ist man von Battlefield bisher nicht gewohnt. Visceral selbst hat 2006 und 2009 mit den Der Pate-Games ja schon Maßstäbe in Sachen Inszenierung, Charakterentwicklung und motorisierten Jagdszenen gesetzt, doch leider springt der Funke 2015 nicht so recht über.

Alles wirkt sehr steif, das Gameplay läuft wie auf Schienen. Fast wirkt es, als wäre das Spiel überhastet fertiggestellt worden, denn so viele Bugs und Glitches habe ich selten erlebt. Ich fühle mich an das Desaster, das Activision seinerzeit mit The Walking Dead – Survival Instinct fabriziert hat, erinnert. Natürlich macht Hardline trotz der hochgezogenen Augenbraue, die ich konstant während des Spielens aktiviert habe, Spaß. Ich weiß nicht so recht, woran das liegt. Wahrscheinlich gefällt mir einfach die Möglichkeit, sich nicht durch Maßen an Gegnern ballern zu müssen (solche Szenen gibt es auch, sind aber die absolute Ausnahme), sondern durch Zücken meiner Polizeimarke und anschließendem Klacken der Handschellen, die bösen Buben auch ohne Gewalt dingfest machen zu können. Das gibt sogar Extrapunkte, welche, verbunden mit einem Levelsystem, Waffen freischalten. Ob man die jetzt braucht, sei mal dahingestellt, als Anreiz, schleichend und gewaltfrei vorzugehen, reicht das aber allemal.

Die Zwischensequenzen, die den grob geschnitzten Levelabschnitten einen gewissen Sinn geben, sind dafür verdammt cool. Hier sieht man, wie viel Detail in den Charakteren steckt, die Texturierung und das Voice-Over sind überaus gelungen. Wirkt zwar atmosphärisch alles etwas gezwungen, ist aber eine willkommene, wenn auch nicht überspringbare Abwechslung zum eher mittelmäßigen Gameplay.

Der Multiplayer-Modus ist mittlerweile chronisch unterbesetzt, schließlich war der Release des Spiels bereits im März 2015. Allerdings sind Server älterer BF-Teile wesentlich dichter bevölkert, was daran liegt, dass auch das Mehrspielererlebnis Hardlines ein deutlich anderes ist, als das, was „klassische“ Battlefields bieten. Abseits vom klassischen TDM gibt es hier Raubzüge, Überfälle… „Das hätte es damals nicht gegeben.“ Offensichtlich dient Hardline mehr als ein Experiment, um festzustellen, ob es Alternativen gibt, die die Spielerschaft ebenso begeistern, wie Althergebrachtes. Offenbar ist dieses Experiment bei einem Metacritic-Userscore von miserablen 3.9 gescheitert. Zumindest deuten die Reviews darauf hin, dass besonders der Multiplayer-Part nicht zufriedenstellend ist, auch wenn die Modi durchaus unterhaltsam sind. Die erwähnten Bugs sind ebenfalls oft Thema, obwohl das Spiel immer noch regelmäßige Updates und Inhalte spendiert bekommt. Es fühlt sich einfach nicht nach Battlefield an. Die Körperlichkeit der Spielfigur, die Atmosphäre, die Anspannung – Das alles fehlt Hardline.

Dass Electronic Arts zumindest noch die Verkaufszahlen, wenn schon nicht den Umsatz, steigern möchte, erkennt man daran, dass Hardline seit einiger Zeit für einen Bruchteil des Normalpreises, sogar im Set mit Battlefield 4, angeboten wird. Schade eigentlich, denn die Idee ist eigentlich ganz gut, wenn auch die Umsetzung etwas halbgar und uninspiriert wirkt. Für die tolle Kampagne lohnen sich die 16 Euro Angebotspreis (digital, PSN) allemal, wer sich allerdings gerne mit Fremden bekriegt, sollte zum bekannten BF4 zurückgreifen.

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Besonderes Kennzeichen: Enorme Bauchmuskeln. Mag Ballerspiele, Actionfilme und lange Spaziergänge am Strand. Zu seinen Hobbies zählen Stricken und Pferdebilder sammeln. Sein Lieblingsvideospielheld ist der Lange von Tetris.