Es kommt nicht oft vor, dass ich auf dieser Website über Themen abseits von Videospielen oder Filmen schreibe. Ab und zu nehme ich mir aber doch mal raus, euch mit privaten Anliegen zu belästigen, genau wie heute. Das mache ich nicht nur einfach so, sondern weil mir das Thema wirklich sehr am Herzen liegt. Es ist eine Art „Outing“ und fällt mir gelinde gesagt ziemlich schwer.

Wenn man an Autisten denkt, hat man meist eine comichafte Version eines inselbegabten Alleskönners vor Augen, der zwar grenzgenial ist, aber ansonsten nicht die Art Mensch ist, mit der man gerne seine Freizeit verbringt. Ob das nun Sheldon Cooper (The Big Bang Theory) ist, oder der kleine Junge aus Das Mercury Puzzle. Der Film mit Bruce Willis, ihr wisst schon. Autismus hat die mannigfaltigsten Ausprägungen und Formen, und oft fällt es schwer, die Grenze zwischen den jeweiligen Syndromen oder Kategorien zu ziehen. In vielen Fällen ist es sogar so, dass Autisten niemals erfahren, dass sie an einer Entwicklungsstörung leiden oder erst spät diagnostiziert werden. So wie bei mir.

Das Asperger-Syndrom ist eine sehr leicht ausgeprägte Form des Autismus. Eigentlich noch nicht mal das, vielmehr spricht man von einer tiefgreifenden Entwicklungsstörung innerhalb des autistischen Spektrums. Betroffen sind vor allem soziale Interaktions- oder Kommunikationsfähigkeiten, was bedeutet, dass Aspis oft als „wunderlich“, „schüchtern“ oder „anders“ wahrgenommen werden. Dass jemand Autist ist, daran denken die Wenigsten, weil das Bild des Rainmans immer noch in den Köpfen vorherrscht. Aspis sind keine Sonderlinge, sie sind genauso intelligent, nett, liebenswert, engagiert und verletzlich wie „normale“ Menschen. Nur eben anders.

In den nächsten Wochen, Monaten, Jahren (?), werde ich auf das Leben mit Asperger und die damit verbundenen Herausforderungen des täglichen Zurechtkommens eingehen. Es gibt so viel, worüber ich schreiben könnte, weswegen ich eine ganze Reihe aus dem Thema machen werde. Dieser erste Artikel handelt von der Unfähigkeit, Menschen in die Augen zu schauen.

Die Sache mit dem Augenkontakt

Ich erinnere mich noch genau daran, wie meine Mutter – mehr als ein Mal – zu mir sagte: „Junge, schau den Leuten doch in die Augen, wenn du mit ihnen sprichst.“ Das sei unhöflich, mahnte sie. Damals dachte noch niemand daran, dass vielleicht etwas mit mir nicht stimmen könnte. Vielleicht nahmen meine Eltern nur an, dass sich das irgendwann gibt, dass sich das verwächst, ebenso wie meine latente Grobmotorik.

Den Leuten in die Augen schauen… Mehrmals täglich fühle ich mich ermahnt, den mütterlichen Rat zu befolgen. Denn ich habe immer noch nicht gelernt, Blickkontakt herzustellen. Ich versuche es immer wieder, doch länger als einen Wimpernschlag halte ich es meist nicht aus, da die Aktion zeitgleich mehrere starke Reaktionen in mir auslöst. Dieses Synapsenfeuerwerk in meinem Kopf, verringert meinen Fokus auf Gespräche mit einem Schlag auf Null. Ein Gefühl steigt in mir hoch, das an körperlichen Schmerz grenzt, weswegen ich lieber Dinge in der Umgebung genauer betrachte. Ich schaue aus dem Fenster, interessiere mich brennend für die Blattstruktur der Zimmerpflanze oder fange an, in der Zeitschrift vor mir zu blättern. Der Luxus eines Gespräches während des Gehens erlaubt es mir, mich sogar von meinem Gesprächspartner abwenden zu können. Dies geschieht nicht bewusst, jedoch fällt mir mein Verhalten oft auf. Und nicht nur mir.

Aber auf die Idee, dass ich vielleicht eine Störung haben könnte, kommt niemand. Vielmehr halten mich viele Menschen für unhöflich. Ich meide persönliche Gespräche, so oft es geht. Ich telefoniere lieber, auch wenn ich hier lange Überwindungsphasen voranstelle. Am liebsten ist mir der elektronische Austausch per Chat oder E-Mail. Das ist unpersönlich genug, um mich selbst nicht in eine Lage zu bringen, in der ich mich “seltsam” verhalte. Smalltalk kann ich nämlich gar nicht. Und das ist noch untertrieben. Ich kenne nicht einmal die Themen, über die man so redet, wenn man sich eigentlich über gar nichts unterhält. Zum Wetter könnte ich vielleicht noch etwas sagen, aber mehr als ein Satz, der die momentane Lage mit gezielten Adjektiven wie “windig”, “warm” oder “eiskalt” beschreibt, ist da meist nicht drin. Und schon ist sie da: Die unerträgliche Stille, wenn ich nichts mehr zu sagen weiß und versuche, irgendwie die Kurve zum eigentlichen Gesprächsthema zu lenken. Dass dies nicht immer elegant funktioniert, ist klar. Holprig und viel zu direkt durchfährt der Themenwechsel das scheinbar lockere Gespräch.

Wenn ein Gespräch die Teilnehmerzahl von zwei Personen überschreitet, führt das natürlich zu Problemen. Wenn man den Adressaten seiner Worte nicht anschauen kann, kann das durchaus verwirren. Mittlerweile bin ich dazu übergegangen, den Namen dessen, an den eine Frage oder Aussage gerichtet ist, in den Satzbau mit einfließen zu lassen. Dies bringt die Situation wieder zurück in eine Form, die halbwegs kontrollierbar ist.

Wie komme ich damit klar?

Vor der Diagnose tappte ich völlig im Dunkeln, was meine Situation angeht. Sicher sind mir einige Sachen aufgefallen, aber die Schuld habe ich immer bei mir selbst gesucht. Was stimmt nicht mit mir? Wieso kann ich bestimmte Dinge einfach nicht? Aber als ich dann Gewissheit hatte, konnte ich lernen, damit umzugehen. Es läuft bei Weitem nicht alles perfekt, das ist klar, aber anstatt in Depressionen zu verfallen, finde ich Life-Hacks, die mir helfen, meine Schwächen in den Alltag einfließen zu lassen. Bestimmte Situationen, wenn zum Beispiel Sand, Lärm oder Wasser eine Rolle spielen, sind aber noch No-Go-Areas. Aber dazu in einem späteren Artikel mehr.

Ich hoffe, durch meine neue Artikelreihe Menschen auf das Thema Autismus aufmerksam machen zu können und vielleicht etwas zu sensibilisieren. Wenn ihr Fragen oder Kommentare habt, könnt ihr mich auf allen Kanäle erreichen (oder einfach unter dem Artikel posten). Gerne nehme ich auch Anregungen entgegen, welche Bereiche zukünftige Posts abdecken können. 

Danke fürs Lesen.

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Besonderes Kennzeichen: Enorme Bauchmuskeln. Mag Ballerspiele, Actionfilme und lange Spaziergänge am Strand. Zu seinen Hobbies zählen Stricken und Pferdebilder sammeln. Sein Lieblingsvideospielheld ist der Lange von Tetris.